|
Der Anfang von Teil I:
Ich stehe am Beginn einer wunderbaren Reise. Weiß nicht, wie lange ich unterwegs sein werde. Weiß nicht, wohin es mich verschlagen wird. Habe keine Ahnung von dem, was mich erwartet. Wohl aber eine Vorstellung: Sie entstammt den Werken Jack Kerouacs, in denen er davon erzählt, wie es sich anfühlt "unterwegs" zu sein. Sein Amerika der 50er Jahre soll mein vereinigtes Europa der Gegenwart sein. Zwanglos! Auf und davon. Keine großartige Planung. Kein Reisebüro. Nicht einmal neue Reifen habe ich auf den alten Benz gezogen. Ich bin euphorisch. Denn bisher konnte ich nur großspurig über meine freiheitliche Lebenseinstellung sprechen und kam mir als zielstrebiger Student nicht immer glaubwürdig dabei vor. Doch nun ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich für mich selbst herauszufinden gedenke, ob ich tatsächlich damit umgehen kann; ob mir diese Maske steht. Vielleicht kehre ich nach wenigen Wochen auch als einer zurück, der seine eigene Lebenslüge von der unbedingten persönlichen Autonomie aufdeckte. Vermutlich wird dem aber nicht so sein, denn schon heute Abend, dem sechsten dieses kleinen Ausfluges immer in Richtung Süden, deutet einiges darauf hin, dass ich sehr wohl in der Lage bin, mit mir selbst fertig zu werden. Welch ein Privileg, das von sich behaupten zu können. Gegen 13 Uhr ist der letzte Abschied Vergangenheit - Schnitt. - Mit einem lauten Schrei proklamiere ich den Zustand bedingungsloser individueller Freiheit, atme tief durch und blicke nicht zurück. Ich bin unterwegs! Über Ulm, Stuttgart, Freiburg und Mühlhausen geht es an der Schweiz vorbei. Im CD-Player: Manu Chao, AC/DC, später Thomas D. - "Und ihr seht mich als Punkt am Horizont verschwinden, um ein Stück weiter hinten mich selbst zu finden..." In Frankreich verlaufen neben jeder gebührenpflichtigen Autobahn kostenlose Nationalstraßen, und ich begreife schnell, dass diese für "Low Rider" wie mich sowieso viel besser geeignet sind. Also werde ich mich in Zukunft auf den Landstraßen bewegen. Ich habe ja keine Termine oder so was. Blues Brothers, Leonard Cohen, und als es dunkel wird: Queen - "Don't stop me now, I'm having such a good time…" - Niemand kann das. Ich habe kein Handy bei mir ... Der Anfang von Teil II:
"Auf Reisen nimmt man alles hin, die Empörung bleibt zu Haus.
Man schaut, man hört, man ist über das Furchtbarste begeistert, weil es neu ist. Gute Reisende sind herzlos." - Elias Canetti ("Die Stimmen von Marrakesch") Prolog Das folgende zweite Kapitel dieses Reisetagebuches ist sehr umfangreich geworden; und selbst wenn ich mir auf diesem Stuhl ein Rückenleiden hole, bin ich doch froh, die ganze Geschichte in einer Retrospektive berichten zu dürfen. Wie in den vergangenen sechs Tagen und Nächten sitze ich auch heute Abend auf einem kleinen Balkon im spanischen Cadiz und arbeite an den Zeilen, die euch nun bevorstehen. Ich bin müde, habe in den letzten Wochen so viel erlebt, all das aufgeschrieben und weiß nun doch nichts mehr. Weiß nur, dass ich wieder zurück in Europa bin, und es sollte wirklich zusammenwachsen, da die kulturellen Unterschiede im Vergleich zum benachbarten Afrika derart gering sind. Dort unten war es meine Aufgabe (und man braucht eine Aufgabe), die interessantesten Plätze zu finden, mit Leuten zu sprechen, zu recherchieren, als aufrechter Reporter mit offenen Augen das fremde Land zu erleben und die wenige verbliebene Zeit damit zu nutzen, die wichtigsten Eckpunkte dieser Eindrücke handschriftlich niederzulegen. Hätte ich mein Notebook dabei gehabt, dann hätte ich auch weniger erlebt, und hatte ich mir in der Vergangenheit manchmal gedacht, dass ich ohne Computer niemals den Weg in diese Leidenschaft gefunden hätte, weiß ich nun, dass die Handschrift auf normalem Papier die wahre Kunst bedeutet. Um heutzutage aber jemanden zu erreichen, muss es in den Computer getippt werden, was wiederum die einzigartige Möglichkeit mit sich bringt, das Skript sauber zu überarbeiten. Das sei hiermit geschehen. Um die teilweise sehr komplexen Aspekte aus Politik, Geschichte und nicht zuletzt Religion so genau als möglich zu vermitteln, halte ich es im Folgenden wie gehabt und greife einzelne Begebenheiten exkursiv heraus. Dabei ist es unumgänglich, auch über den Koran zu schreiben, und ich hoffe inständig, dass mir an diesem neuralgischen Punkt der eine oder andere Lapsus nachgesehen wird. Im Gegensatz zu einigen anderen Autoren, die sich am Morgen des 12. September über ihren Schreibtisch beugten, um ein schlechtes Buch über den Islam zu schreiben, war ich zufällig gerade vor Ort und habe mich aus purem Spaß an der Freude mit der Materie beschäftigt. Dies - zugegeben - in vollkommen unzureichendem Ausmaß; Muslime dieser Welt, seid also milde mit mir! Ich verfolge hehre Ziele, meine Quellen liegen offen, sie basieren aber auf unterschiedlichen Übersetzungen des Koran, und sollte ich mich irgendwo vertan haben: Ich bin mir keiner Schuld bewusst und streite alles ab! Und ich werde mich mit Sicherheit nicht über die viele Arbeit beklagen, denn hätte ich keinen großen Spaß daran gehabt, die von diesem Ausflug mitgebrachten Notizen in digitale Formen zu bringen, dann würde ich wohl kaum noch diese erklärenden Worte an den Anfang stellen. Einen Prolog schreibt man am besten immer zuletzt, und wenn ich all das Folgende nun noch einmal quergelesen habe, dann freue ich mich in höchstem Maße über meine noch nie da gewesene Ausdauer. Aber macht euch lieber ein Bier auf und lest selbst... Noch in Spanien hatte ich mir von anderen Reisenden erzählen lassen, was es für einen selbst bedeuten kann, ganz alleine, nur mit dem Rucksack über diese Grenze zu gehen. Doch was heißt "über die Grenze gehen", über den Tellerrand hinaus wagt man bekanntlich nur einen Blick. "Open your mind", dachte ich mir, doch das, was ich dort sehen sollte, war mächtiger als meine Vorstellungskraft. In Marokko geht man von Tag zu Tag aufs Neue unter. Dort wird man sprichwörtlich behandelt wie ein Gott und geschlagen wie ein Hund. Ich habe nie entspanntere Plätze gefunden, aber auch niemals zuvor so viel Abgrundtiefes erlebt und glaube behaupten zu dürfen, dass die vielleicht bedeutendste Errungenschaft der westlichen Welt der große Respekt ist, den ihre Menschen dem Individuum an sich mit seinen zahlreichen Rechten entgegenbringen. In Marokko ist das nicht immer so, und die Erfahrung, dass das Wort "Kulturschock" nicht nur abstrakte Bedeutung hat, ging für mich mit äußerst schmerzhaften Perspektiven einher. Wenn man im Vorbeigehen die Schreie eines Obdachlosen mitbekommt, der sich von einem anderen die verfaulten Zähne ziehen lässt, dann fängt man besser erst gar nicht damit an, über Aspekte wie Tierschutz nachzudenken. Und im krassen Gegensatz dazu dann doch überall dieses Gottvertrauen: "Islam" bedeutet "Frieden durch Ergebung in den Willen Gottes", und das Wort "Muslim" meint denjenigen, "der sich aus freier Entscheidung Gottes Willen unterwirft." Es ist die Natur dieser Menschen, aufeinander zuzugehen, zu reden, zu fragen, Geschäftchen zu machen, jemanden übers Ohr zu hauen, der es nicht besser verdient hat, und warum ist "hemmungslos" eigentlich ein negativ besetztes Wort? Wenn man erst einmal begriffen hat, dass es nur eine einzige Möglichkeit geben kann; dass man, den hiesigen Gepflogenheiten entsprechend, sich von Moment zu Moment weitertreiben lassen muss, und dass man selbst der Einzige ist, der sich anzupassen hat, dann kommt man auch dort unten gut zu recht; In-Shaa-Allah (So Gott will). Aber das zu lernen geht für Wohlstandseuropäer wie mich nicht ohne Schmerzen ab, und der Organismus des Landes besteht darauf, dass man es lernt. Und es ist sein gutes Recht. Hustler - von Europa nach Chefchaouen
2. Oktober: Ceuta/Tetouan/Chefchaouen. Das Letzte, das ich von Europa sehe, ist der Fels von Gibraltar. Von hier draußen wirkt er wie eine geduckte, sprungbereite Raubkatze, die ihre Beute irgendwo im Norden wähnt. Es stürmt und blitzt und donnert, als wollte die Welt untergehen, und manchmal meine ich für den Bruchteil eines Augenblicks von Deck geweht zu werden. Atze, seines Zeichens Mitglied einer Motorrad-Gang aus Bottrop, hat frühmorgens nichts Besseres zu tun, als Sprüche wie diesen gegen den Wind zu plärren: "Jetzt fahren wir ins Land von 1001 Nacht, und vermutlich kommen wir schwer enttäuscht zurück!" - Mein Gott, mit dieser Einstellung kann man nichts erreichen! Notorische Nörgler sollten nicht verreisen. Und vor allem sollten sie ihr "wir" niemals pauschal auf meine Person ausweiten, denn ich bin Individualist und pflege mir meine Gedanken selbst zu machen: "Alter, siehst du Afrika? Ich meine, wann, wenn nicht jetzt?!" Neben uns übergeben sich zwei skandinavische Mädchen solidarisch in das an dieser Stelle nur 13 Kilometer breite Meer. Technisch gesehen wäre der Interkontinental-Tunnel schon lange machbar und dabei denke ich vor allem an die statistisch gesehen zwei bis drei Afrikaner, die täglich bei dem Versuch die Straße von Gibraltar zu überqueren ihr Leben lassen ... Klappentext:
"Im Fernsehen verbreitet der arabische Nachrichtensender al-Jazeera sicherlich Propa-ganda in der umgekehrten Richtung, ist aber deutlich gegen die Taliban eingestellt. Sie zeigen Bilder und nennen Fakten, wie ich sie auf CNN oder bei Spiegel-Online nie erfahren habe. Bin Laden ruft in der wohl zweihundertsten Wiederholung zum Heiligen Krieg gegen mich auf, doch der Ober reicht mir einen kleinen Teller mit Honigmelonenstückchen..." Veröffentlichung des kompletten Kapitels über Tanger, mit exklusiven Fotos auf dem größten deutschsprachigen Portal zur Beat-Generation www.mardou.de Auf Wunsch, gerne mehr ... |